Konstruierte Volumen – Reelle Metamorphosen
Der sanfte Makrokosmos Odine Langs


 (...) Die durch genaue Beobachtung von Naturprodukten gewonnene Konstruktionsstruktur wird von ihr (Odine Lang) vereinfacht und mit freien Gestaltungselementen natürlichen und zufälligen Prozessen unterworfen, um sie so lebendig statt dokumentarisch werden zu lassen. Die dabei gewonnene Ästhetik der neuen Formwelten schärft den Blick der Betrachter und lässt Analogien zwischen den Bauprinzipien von Pflanzen, Insekten und anderen Tieren zu. (...)
      Dieses Denken in Analogien und Weiternutzungen von Naturformen steht in Zusammenhang mit den Anfängen der Naturforschung, die ihren Niederschlag in Herbarien und den Kunst- und Wunderkammern der Neuzeit gefunden hat, die die gefundenen, geschenkten und ertauschten Objekte zunächst klassifizierten und sortierten, um im Mikrokosmos den Makrokosmos zu begreifen. Naturalia, Scientifica, Artificialia – Natur, Technik, Kunst bildeten dabei die bis heute wirksamen und leider als getrennt wahrgenommenen Kernkategorien. In Odine Langs Arbeiten werden wieder Zusammenhänge dieser Sichtweisen, Analysesysteme und Erfindungen sichtbar. Von Pflanze über Konstruktion zum Kunstwerk. Ähnlich den Ergebnissen der Bionik, weiß Odine Lang mit ihren Zeichnungen, Objekten und Installationen um ein gemeinsames Forminteresse herum eine Fülle von innovativen Kunstformen zu erzeugen, die ihre ästhetische Kraft und analytische Schönheit aus der Beschränkung der Mittel und der Vergrößerung der Form gewinnen. Pimp your sight. Close Up, d.h. aufschlussreich und auch in der eigenschöpferischen Mutation nah an der Natur.

Dr. Dirk Tölke, Aachen
(aus dem Textbeitrag zum Katalog „Odine Lang. Close up“, 2016)


 

Aus der Laudatio zur Verleihung des Kunstpreises Ökologie der Stadt Güstrow, 1.7.2012

„Strömlinge I-V“, 2012, Eisendraht und Japanpapier: Trotz der Filigranität und Zartheit der Arbeiten Odine Langs rechnen wir ihre Arbeiten der Bildhauerei zu, denn sie sind aufgebaut und stellen sich in die Koordinaten des dreidimensionalen Raumes. Odine Lang hat das Thema „Strömungen“ auf sehr subtile Weise für sich anverwandelt. Ein lineares Element, das den „Strömlingen“ durchaus als graphische Struktur innewohnt, verstärkt den dynamischen Charakter der Arbeit. Bei dem Wort Strömungen denkt man unwillkürlich an starke Bewegungen, wie sie im Naturraum in großen Zusammenhängen zu erkennen sind, etwa fließende Wassermassen, an Luftwirbel, vorbeiziehende Wolkenberge. Aber man denkt wohl auch immer an eine gerichtete Bewegung. Odine Lang hat nicht die Strömungen selbst zum Motiv gewählt, sondern Wesen, die diesen Strömungen ausgesetzt sind. Zwar sind wir das als Menschen immer (…), aber dieses den Naturgewalten Ausgesetztsein gilt auch für alle anderen Lebewesen. Langs „Strömlinge“ sind phantastische Wesen, die die Künstlerin eigens für diese Ausstellung hat entstehen lassen. Aus ihrem früheren Werk kennen wir verschiedene Wesen-Welten, die „Monstren“ und „Navalia“ (beide Serien 2004). Alle diese phantasievollen Schöpfungen spielen mit den organischen Formen der Tierwelt. Die feinen Drahtobjekte bleiben als Gitterstrukturen erhalten oder werden mit Japanpapier umhüllt, so dass sich eine weitgehende Körpereinhüllung als geschlossene Oberfläche ergibt. Dabei sind Langs Strömlinge am ehesten dem Reich der Fische zuzuordnen, ohne dass sie in dieser künstlerischen Morphologie als eigene Spezies in der von Carl von Linné entwickelten Systematik der Tier zu finden wären. In seinem zweiten Hauptwerk „Systema Naturae“ hatte Linné 1758 jedoch einen Strömling, eine kleine Heringsart der nördlichen Ostsee als Clupea Harengus minor Linnaeus erstmals beschrieben. Mit den geschmeidigen, ja stromlinienförmigen Körpern stellt sich der von Odine Lang geschaffene Strömling – auch für den Betrachter glaubhaft – den Naturgewalten, den unterseeischen Strömungen standhaft entgegen.

Für die Jury:
Dr. Volker Probst, Kunsthistoriker
Leiter der Ernst Barlach Museen Güstrow

 

 

Odine Lang – Bizarre Metamorphosen

Odine Langs Arbeit assoziiert Formen aus der Natur. Strukturen aus der Biologie wie Schalen, Panzer, Blüten, Zellkörper oder Kerngehäuse finden sich in den Zeichnungen und Objekten.
Die Strukturen scheint die Künstlerin aus der Beobachtung und dem Studium der Pflanzen- und Tierwelt zu extrahieren. Auf einfachste Formen reduziert, destilliert die Künstlerin eine allgemeingültige Formensprache, die Basis für die Entwicklung neuer Ansätze und Figuren ist. Formen durchlaufen eine Metamorphose und entwickeln ein Eigenleben, wobei neuartige Gebilde entstehen, die wesenhaft, fast beseelt zu sein scheinen. Odine Lang transformiert das Formengerüst in verschiedene Medien: Zeichnungen von zarter Transparenz, plakativ gehaltene Holzschnitte sowie filigrane Objekte aus Draht und Papier. Die Objekte entwickelt Odine Lang aus der Linie, die sie in die Dreidimensionalität holt. Bei der Serie „Nolitangere“  muten die entstandenen bizarren Gebilde wie Blüten oder Mäuler an, die sich dem Betrachter öffnen und entgegenrecken. Eine Räumlichkeit entsteht, die Leere umschließt und zur Plastik macht. In der Beschaffenheit ihrer Form sind die Körper von beeindruckend detailgetreuer Realitätsnähe. Organische und anorganische Strukturen verwachsen und verbinden sich zu einer vielschichtigen Formensprache, aus welcher immer neue Figuren entspringen, in einer fortwährenden Metamorphose der Formen und Linien.

Nadya Bascha, Kunsthistorikerin M.A., Geschäftsführerin Atelierhaus Aachen e.V.
(Text aus dem Katalog „Zwischenspiel“ mit Dorthe Goeden. 2008)

 

 

Der Reiz der Metamorphose

(...) Die Drahtobjekte, die Lang aus dünnem Eisendraht formt, wirken wie dreidimensionale Zeichnungen. Mit suchenden, tastenden Linien greifen sie febril und fragil in den Raum und formieren sich zu seltsamen Fabelwesen. Eine Population, die an dadaistische Formexperimente erinnert. Manchmal überzieht die Künstlerin sie mit einer Haut aus zartem, dünnen Japanpapier. Eingefärbt mit Henna, Wein, Walnusskonzentrat oder Rotbusch, verstärkt sich die figurative Anmutung der Objekte, umso mehr als die hervortretenden Lineaturen des rostenden Drahtes nun wie ein Skelett wirken. Am eindringlichsten indes ist die Entfernung von der ursprünglichen Form der Dinge bei gleichzeitiger Nähe – ein schönes Paradox – in Langs Linolschnitten. Hier sorgt die kraftvoll in die Materie sich grabende, breite Linie für Distanz zum Ausgangsmotiv.
Schauen wir auf die in kühnen Schwüngen und Linien über das Papier hineilende Linie, haben wir den Eindruck einer energetischen, vitalen und dynamischen Macht, die uns gleichwohl gebändigt und domestiziert entgegentritt. (...)
Odine Langs gelungene Metamorphosen schaffen eine eigene artistische Welt, die neben das Wunder des Naturschönen das nicht minder Staunen machende Wunder des Kunstschönen setzt.

Michael Stoeber
Katalogauszug aus: „Salon Salder – Neues aus Niedersächsischen Ateliers“.
Städtische Kunstsammlungen Salzgitter. 2005.